......ich freue mich sehr, daß ich anläßlich der Ausstellung der österreichischen Künstlerin M.S-K.endlich hier im Haus der Photographie zu Gast sein darf.Ich möchte Ihnen, obwohl es hier so viel fachkundiges Publikum gibt, einige Überlegungen zu den Arbeiten von M.S-K.vermitteln.
Jede Gesellschaft steht vor einem einzigen Problem, nämlich, daß sie sowie jedes Individuum vergänglich ist. Seitdem sich die Menschen dessen bewußt geworden sind, sind sie eigentlich mit nichts anderem beschäftigt als der Ver-gänglichkeit Herr zu werden. Die Menschen sind diesbezüglich sehr erfinderisch geworden. Von Mythen, Religionen über Ideologien bis zu Apparaturen haben sie alles versucht, um mit dieser Vergänglichkeit zurecht zu kommen. In einer Gesellschaft wie unserer, in der die Bilder seit vielen Jahrhunderten so wichtig geworden sind, sind es natürlich auch diese Bilder, mit denen wir in unserer abendländischen Kultur versuchen, unserer Vergänglichkeit zu besiegen. Die Photographie spielt dabei seit dem 19. Jahrhundert ein ganz neue und funda-mentale Rolle und zwar deshalb, weil sie nicht nur ein Medium ist, das auf neue Weise eine visuelle Wirklichkeit wiedergeben kann, sondern weil sie das einzige Bild-medium in der Geschichte der Bilder ist, welches uns die Gewißheit gibt, das wir existiert haben bzw. existieren. In einem elementaren Sinn der Fotografie, kann sie nichts zeigen, was es nicht in irgendeiner Form vor dem Fotoapparat gegeben hat. Ich meine, daß dieses Vermögen der Fotografie ein ganz wichtiger Ausgangspunkt, vielleicht ein Zentrum in der fotokünstlerischen Arbeit der M.S-K. ist.
M.S-K. nimmt zunächst die Fotografie bei dem, was die Fotografie tatsächlich ist, nämlich zu bestätigen, was ein fotografisches Bild zeigt. Ob es Tiere sind oder ein Wald, zunächst geht es MS-K. darum, daß sie die Tiere und den Wald darstellen will. Auf einer zweiten, sozusagen auf einer künstlerischen Ebene, beginnt sie ihre Auseinandersetzung mit dem fotografischen Bild, indem sie über das rein technische Vermögen der Fotografie hinausgeht und sich als Person in das Bild einbringt. Ihre Auseinandersetzung mit der Fotografie oder mit dem konkreten vor sich befindenden Bild ist eine Haltung, die man als Überarbeitung oder Bearbeitung, vor allem aber als einen Transformationsprozeß bezeichnen muß.
Dabei geht es ihr um zwei ganz wesentliche Aspekte: Um die sehr persönliche Frage nach dem, was die Erfahrbarkeit unseres Seins sein kann. Zum anderen wird mit verschiedensten Materialien, z.B. Wachs oder Erdfarben, die Bearbeitung des fotografischen Bildes begonnen, um so mittels eines ästethischen Diskurses die Erfahrbarkeit des Seins auszuloten. Insofern können wir feststellen, als die Möglichkeit des Menschen, ein ästhetisches Wesen zu sein, in der künstlerischen Arbeit von MS-K. uns vor allem eines sagt,daß über eine fotografische Arbeit die Welt uns nicht nur eine Vergewisserung ihrer
Existenz gibt, sondern daß in der ästhetischen Arbeit auch der Versuch verborgen
liegt, unserer Vergänglichkeit zu entkommen.
Vielleicht können Sie jetzt verstehen, warum diese Arbeit einer Bildtransformation
bei MS-K. für sie so wichtig ist. In dem Moment, in dem es uns gelänge, uns ständig verwandeln zu können, kämen wir in den Zustand der Unvergänglichkeit. Der deutsche Philosoph Martin Heidegger hat vor vielen Jahren einen wunderbaren Aufsatz mit dem Titel „Zeitalter des Weltbildes" geschrieben, in dem er meint, daß Weltbild nicht „ein Bild von der Welt" bedeutet, sondern „die Welt als Bild". Vielleicht können sie dadurch verstehen, warum in unserer Gesellschaft das Ver-hältnis von Bild und Zeit seit der Erfindung der Fotografie eine so fundamentale Rolle spielt. Es heißt immer, die Fotografie hat die Kraft, Zeit aufzuheben und zu fixieren. Es ist also jenes Bildmedium seit dem 19. Jahrhundert, mit dem die Ge-sellschaft versucht, zu einer ewigen Gegenwart zu gelangen. Wenn es uns gelänge, die Zeit tatsächlich anzuhalten, dann wären wir zeitlos und damit unvergänglich.
Ich meine, daß MS-K. in ihrer Arbeit genau auf diese ganz neuralgische Stelle einer
gesellschaftlichen und individuellen Existenz ihr Augenmerk, ihre Konzentration
und ihre Aufmerksamkeit richtet. Wenn MS-K. also mit Fotografie und mit einer
ganz persönlichen und subjektiven Weise der Transformierung arbeitet, so ist dies eine Haltung,die den Versuch in sich trägt, zu einer Zeitlosigkeit zu kommen.
Vielleicht können sie daraus auch verstehen, warum in unserer europäischen Gesellschaft
seit 200 bis 300 Jahren die Kunst oder das, was wir als Kunst bezeichnen, so eine wesent-
liche Rolle spielt: Weil das künstlerische Arbeiten oder der künstlerische Akt nicht nur eine Form einer Intensivierung des Seins bedeuten kann, sondern weil darin auch jener Aspekt beinhaltet ist, der uns als homo aestheticus gerade durch die Kunst zu einer, wenn auch nur augenblicklichen Unvergänglichkeit bringen kann.
Ich habe das Glück, mehrmals MS-K. beim Arbeiten verfolgen zu können. Ich habe
selten bei KünstlerInnen gesehen, in welche Extase des Arbeitens eine künstlerische
Haltung führen kann. Ich glaube auch, in dieser Beziehung ist die Arbeit von MS-K. im österreichischen Kontext sehr singulär.
Wenn Sie jetzt die Bilder hier betrachten, dann vergessen sie nicht, daß auch die
Bilder Sie betrachten. Und wenn wir schon so eine Gesellschaft des Schauens und
Sehens sind, dann finden wir im Sehen und Betrachten nicht nur unsere Identität, sondern
auch den Versuch, der Vergänglichkeit unserer Existenz zu entkommen. Sie müssen
also für das Betrachten dieser Bilder viel Zeit investieren, weil nur dann, wenn Sie dazu
bereit sind, diese Bilder ihre Zeit der Betrachtung wieder zurückgeben können. Wenn Sie
dabei vergessen auf die Uhr zu schauen, dann ist alles gelungen.